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Working Holidays / Work & Travel in Australien

 

 Erfahrungsberichte zu Working Holiday / Work & Travel in Australien

Überblick aktuell zur australischen Wirtschaft
Kerstin Weitzl erklärt, warum die Jobsuche zur Zeit problematisch ist

 

 
Hier folgt ein kurzer Überblick über die australische Wirtschaft und wieso Backpacker zurzeit keinen Job finden. Ich bin seit anderthalb Jahren hier und habe die Höhen und Tiefen mitgemacht.
 

 

 

Wie es bis jetzt war:

 

 

  • Die australische Industrie beruht auf Bergbau, Agrarwirtschaft und Tourismus. Australien war und ist schon immer eine Exportnation, denn mit nur 21 Mio. Einwohnern ist kein vernünftiger Markt im Innenland aufzubauen.
  • Der Boom in China, Asien und Amerika über die letzten Jahre brauchte vor allem Rohstoffe, die Australien genug hat, hier hat also der ganze Rohstoffsektor “geboomt“.
  • Die Bergbau- und Miningjobs waren sehr begehrt bei den Australiern.
  • Das Mining ist “Fly in Fly Out“, das bedeutet es gab Jobs in den Fluglinien und am Airport. Die ganze Infrastruktur musste erst gebaut und dann betrieben werden, somit gab es viele Jobs, wie z. B. für Köche, Reinigungskräfte, Management, usw.
  • In der Mine wurden Leute in unterschiedlichen Positionen beschäftigt, d. h. die Mine benötigte auch Truckfahrer, Schweißer, Prozesstechniker, Elektriker und Büroarbeiter.
  • Fly in Fly Out bedeutet auch mehr Geld, denn die Leute wurden dafür bezahlt, dass sie von der Familie getrennt sind.
    Die Folge daraus ist, dass jeder in den Minen arbeiten wollte, vor allem diejenigen mit einer Handwerksausbildung und die “cleveren“ Leute, dies hat die dann weniger gut bezahlten Jobs wie z. B. bei Mc Donalds, Woolworth, Restaurants, Tourismus, Händler, usw. frei gemacht.
    (Beispiel: Einer der Reinigungskräfte in meiner Mine war Busfahrer in Perth und hat in der Mine als Toilettenputzer(!) angefangen, weil er dort besser verdiente).
  • Die dann freien Jobs in den schlechter bezahlten Positionen sind an die „übrigen“ Leute gegangen wie z. B. Schulabgänger, Mütter, die “nicht so cleveren“ Leute, Studenten etc.
  • Davon gab es aber nicht genug, sodass die Backpacker die übriggebliebenen Jobs haben konnten, natürlich auch Fruitpicking etc., denn welcher Australier will schon Früchte pflücken, wenn er einen gleichen oder besseren Arbeitslohn zu besseren Konditionen wie z. B. bei Mc Donalds oder in den Minen bekommen kann?
  • Nächster Fakt ist, dass viele Minen in Westaustralien liegen, sodass es alle Australier dort hinzieht, somit werden dann Jobs in Queensland und New South Wales frei.
  • Den Boom bis jetzt gab es weltweit, d. h. alle Welt hatte Geld, alle Welt konnte reisen, dies kurbelte dann den Tourismus an und brachte ebenfalls Jobs.
  • Weil die Australier viel Geld besaßen, gaben sie es natürlich auch aus. Sie steckten es in Luxusgüter wie Jetskis, Boote, Swimmingpools, jeden Abend ein Restaurantbesuch oder sie bauten größere und schönere Häuser, dies kurbelte natürlich dann auch die Wirtschaft an.
  • Das bedeutet alles ist ein großer Kreislauf: Die Leute haben Geld, dies geben sie aus und schaffen mehr Jobs, brauchen mehr Arbeitskräfte, die mehr Geld verdienen und mehr Geld ausgeben usw.
  • Australien war eindeutig ein Arbeitnehmermarkt, d. h. die Arbeitnehmer haben, weil sie so begehrt waren, Löhne, etc. diktiert.

Somit wird deutlich, wie die australische Wirtschaft und die Backpackerjobs zusammenhingen.
 

 

 

Die Situation jetzt und was seit der Weltwirtschaftskrise passierte:

 

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  • Die Weltwirtschaft bricht ein, d. h. Australien leidet alleine schon darunter, weil plötzlich der Absatz und der Export in den Keller gehen.
  • Die Rohstoffpreise sinken, eine Mine braucht aber einen bestimmten Rohstoffpreis, um wirtschaftlich wirtschaften zu können, dieser Preis wird nicht mehr erreicht.
  • Die Mine wird geschlossen und Arbeiter werden frei gesetzt , aber nicht nur die, die direkt in der Mine arbeiten, sondern auch die komplette Infrastruktur drum herum bricht zusammen - wenn kein Mensch mehr in der Mine ist, braucht man auch keine Reinigungskräfte und keine Piloten mehr, die die Arbeiter zu den Minen fliegen.
  • Diese Leute stehen dem Arbeitsmarkt plötzlich wieder zur Verfügung, so dass sich dieser erstmal normalisiert.
    Beispiel 1: Bakers Delight konnte dieses Jahr 500 Bäckerlehrlinge einstellen. Letztes Jahr waren es nicht einmal 50, und das nur, weil plötzlich Leute übrig waren.
    Beispiel 2: Der Miningboom hat Handwerker aus dem Osten in den Westen gezogen, so dass es im Osten einen Mangel an Elektrikern, Klempnern und Tischlern gab - das normalisierte sich wieder.
  • Das Problem ist:
    Es entstehen keine neuen Jobs, d. h. es bewerben sich mehr Leute auf eine Stelle, die besten Leute bekommen den Job und verdrängen so wieder die weniger geeigneten.
  • Dasselbe gilt für Positionen, die schon existieren. Es entsteht ein Mitarbeiteraustausch, und die freigesetzten Mitarbeiter bekommen die schlechteren Jobs.
  • Dazu kommt die Kreditkrise (Dank der USA) - In Boomzeiten sind die Aktien nach oben gegangen, darauf wurden Kredite aufgenommen und Investitionen abgeschlossen. Nachdem die Aktienkurse in den Keller gegangen sind, existiert das ganze Geld nicht mehr (Vergleich mit der dot-com Krise 2000/1/2)
  • Wo kein Geld mehr vorhanden ist, muss plötzlich gespart werden - am einfachsten kann man sparen, wenn man Leute rauswirft, und dies geschieht dann in allen Branchen.
  • Dazu kommt der niedrige Australische Dollar, der z. B. den Ölpreis nach oben treibt.
  • Außerdem gibt es immer noch Konkurrenz aus Asien z. B. im Textilhandel (Schließung von Pacific Brands) oder Banken und IT in Indien.
  • Jeder Job weniger bedeutet mehr Leute auf dem Arbeitsmarkt und weniger Geld in den Familien zum Ausgeben, d. h. Ausgaben werden eingefroren - weniger Luxus, weniger Restaurantbesuche, weniger Jetskis, keine Plasmafernseher, etc.
  • Die Zinsen für Hauskredite fallen zwar nach unten, das freie Geld brauchen die Leute aber zum Leben, weil Preise für Lebensmittel und Energie steigen, wie auch in Deutschland.
  • Die Leute bauen keine neuen Häuser mehr und auch andere Bauprojekte in allen Bereichen werden gestoppt, damit werden jede Menge Leute im Baugewerbe entlassen.
  • Einzelhändler werden zurzeit noch durch die Regierung mit Boni unterstützt (900 Dollar für jeden geschenkt), es werden jedoch mehr und mehr Geschäfte geschlossen (in Perth gibt es jetzt mitten in der Fußgängerzone und der CBD in absoluter Toplage freie Ladenflächen, dazu wurde der Mc Donalds am Forester Chase in der City geschlossen. Ich hab noch nie einen Mc Donalds schließen sehen!).
  • Der Kreislauf bricht zusammen bzw. läuft anders herum. Weniger Geld bedeutet weniger Ausgaben, weniger Jobs heißt auch weniger Geld - und deswegen ist eine Rezession jetzt auch wahrscheinlicher.
  • Weniger Jobs bedeutet auch, dass die „besseren“ Leute die „Schlechteren“ verdrängen und die „schlechteren“ Leute dann die unterbezahlten Jobs bekommen, die vorher von Backpackern besetzt wurden. Das sieht man an den Arbeitslosenzahlen, die seit Monaten steigen.
  • Dazu kommt die Dürre oder die Überflutung in Queensland, die die ganze Agrarindustrie in die Knie zwingt, denn wo es nichts zu ernten gibt, gibt es auch keine Jobs.

Und dazu kommen die ganzen Gründe, die allgemein gegen einen Backpacker bzw. gegen einen Deutschen sprechen.
 

 

Gründe, die dagegen sprechen einen deutschen Backpacker einzustellen:

  • Australisch Jobs für Australier:
    Ich beobachte einen definitiven Trend zu australischen Jobs für Australier und bekomme das auch immer wieder bestätigt.
    Durch meinen jetzigen Arbeitgeber komme ich mit vielen unterschiedlichen Kunden in Kontakt. Alle sind nett und freundlich, wenn sie merken dass ich keine Australierin bin. Wenn man nachhakt sagen viele, dass, wenn sie im Moment einen Job zu vergeben hätten, einen Australier bevorzugen würden. Und das ist in Deutschland genauso.
  • Die Sprachbarriere:
    Ein weiterer Grund ist die Sprachbarriere: Wie viele von Euch machen sich wirklich die Mühe, schon vor Australien das Englisch aufzufrischen?
    Iren und Engländer haben den Muttersprachenvorteil und Franzosen haben den hübscheren Akzent.
  • Unzuverlässigkeit:
    Backpacker sind nicht zuverlässig. Ich verweise auf den Thread im Forum zum Thema „Kann ich meinen Arbeitgeber veräppeln?“
  • Langfristigkeit:
    Mit dem WH-Visum darf man nur 6 Monate bei einem Arbeitgeber arbeiten, wieso also sollte man eine Person einarbeiten, die nicht langfristig bleibt? Außerdem gibt es andere Visaarten wie z.B. Studentenvisa, die unbegrenztes Arbeiten erlauben.
  • Deutsche sind arrogant:
    Deutsche haben zwar einen Ruf als gute und fleißige Arbeiter und Deutschland bedeutet auch Qualität, aber leider gilt das nicht für alle deutschen Backpacker. Hier ist eher das Problem, dass viele Leute deutsche Backpacker als überheblich empfinden (das gilt sowohl für Arbeitgeber als auch für andere Reisende).
  • Keine Berufserfahrung:
    Backpacker bringen nicht immer die benötigte Erfahrung mit. Früher spielte das keine Rolle, aber jetzt gibt es genug Leute für eine Stelle, die keine Einarbeitung und Training brauchen.
  • Schüler sind billiger:
    Es ist hier Standard, dass Schüler nach der Schule an den Kassen stehen oder als Küchenhilfe arbeiten.
    Und hier eine Tatsache: Schüler bzw. Kinder bekommen gesetzlich weniger Geld für die gleiche Arbeit wie "Erwachsene", d. h. die Entscheidung wird für einen Schüler und nicht für einen Backpacker fallen (Beispiel: Ich habe hier zwei Restaurants, beide suchen Küchenhilfen zwischen 15 und 17 Jahren, und zum langen Donnerstag stehen nur Kinder an den Kassen – inkl. Akne, Pickel und Zahnspange).
  • Kein “Vitamin B”:
    Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist das Vitamin B. Man kennt wen, der wen kennt und so kommt man an einen Job. Aber welcher deutsche Backpacker kennt die richtigen Leute in den richtigen Positionen?

Ein Beispiel zu allen obigen Punkten:
Meinen jetzigen Job habe ich über Vitamin B aus meinem letzten Job bekommen, den ich auch wiederum über Vitamin B ergattern konnte. Dazu habe ich mein Englisch schon in Deutschland und dann noch mal in Australien mit Sprachkursen aufgebessert. Außerdem habe ich mich mit meinem Chef Michael darüber unterhalten, ob er wieder einen Backpacker einstellen würde, wenn meine sechs Monate im Juli voll sind.
Die Bedingungen für diesen Job waren: Wissen und Erfahrung im IT-Bereich (also nichts mit nach dem Abi nach Australien), Englisch auf einem sehr hohen Level, weil es gleich am ersten Tag alleine zu einem Kunden geht und zuletzt mindestens eine Dauer von vollen sechs Monaten zu bleiben. Hätte ich Michael nicht zusagen können, dass ich sechs Monate für ihn arbeiten würde, hätte er mich gar nicht erst eingestellt.
 

Die Realität:

 
Dieser Artikel soll die ganzen Zusammenhänge zwischen Finanzkrise, Rezession, australischen Jobs und Backpackern erklären und einigen die Augen öffnen. Australien war bis letztes Jahr ein tolles Land zum Reisen und Arbeiten, was das Leben für Working Holiday Leute sehr einfach gemacht hat. Aber nach jedem Aufschwung kommt ein Abschwung und der trifft dann immer die Untersten in der Rangordnung am ersten und am schwersten. In Australien sind nun mal die deutschen Backpacker ganz unten. Niemand wird einen deutschen Backpacker einstellen, nur weil er einen Job will.

Wahrscheinlich lässt dieser Artikel bei einigen Seifenblasen zerplatzen, aber es ist immer besser, im Voraus Bescheid zu wissen.
Als Lichtblick bleibt nur, dass nach aktuellen Einschätzungen Australien nicht ganz so geschwächt wie andere Länder aus dieser Krise herauskommen wird und das sobald die globale Wirtschaft wieder an Schwung aufnimmt. Australische Bodenschätze und Ressourcen werden wieder als Motor alles ankurbeln. Nichtsdestotrotz wird es eine Weile dauern bis in Australien wieder alles “rosig“ aussehen wird.
 

Meine Empfehlungen:

  • Solange das Visum noch nicht beantragt und der Flug noch nicht gebucht worden sind, sollte man den Aufenthalt in Australien verschieben, wenn das Alter dabei mitspielt (das Working Holiday Visum kann man nur mit bis höchstens 30 Jahren beantragen).
  • Lieber erst eine Ausbildung, Studium etc. machen und danach nach Australien gehen, denn so hat man erstens mehr Erfahrung und einen Beruf und vielleicht ist bis dahin wieder alles in Ordnung.
  • Soviel Geld wie möglich sparen! Nicht nur mit den minimalen Anforderungen runter reisen, denn es ist viel zu schade, wenn man Australien wegen Geldmangel verlassen muss.
  • Das Englisch nochmal aufpeppen!
  • Auch zusätzliche Qualifikationen können nicht schaden!
  • Es ist nie garantiert, dass man in Australien einen Job findet. Lieber Hartz IV in Deutschland statt gar kein Geld in Australien!
  • Wichtig ist noch mal zu erwähnen:
    Wenn noch nichts gebucht wurde, sollte man das Working Holiday verschieben! Die Konkurrenz ist zur Reit massiv, Backpacker treten sich zurzeit gegenseitig auf die Füße, was die Jobsuche angeht.

 
Meine Quellen:
- SBS Seite und WA Business News Seite zu den größten Kündigungswellen
- TV mit SBS und ABC sowie Seven, Nine und Ten für die Sensationsnews
- Newspaper - The West, Business News, The Australian etc.
- Webseiten der o.g. Station und Zeitungen
- Gespräche mit Leuten
 

 

Wer ist Kerstin:
Seit frühester Kindheit von Fernweh geplagt, setzte Kerstin ihren Traum Januar 2008 um und verließ Deutschland, um auf die andere Seite der Welt zu gehen. Das Backpacken ist aber nicht so einfach, da sie lieber alle möglichen Jobs ausprobiert und so als Kellnerin und in einer Goldmine gearbeitet hat.
Zur Zeit arbeitet sie als Computer Technikerin in Perth, und was danach wird, weiß sie noch nicht.
 

 

© Copyright Text by Kerstin Weitzl - Foto by Wehrrolf (Photocase.com)
 

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