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Spielkameraden kauft man nicht
oder
Theater auf Quoin Island

- Eine Geschichte von Sabine Hopf -

 
Ich drückte meine Nase an der Schaufensterscheibe eines Reisebüros in Gladstone, einem Küstenort in North Queensland, platt.
Da war sie!
Auf einem riesigen Plakat in der Mitte des Fensters. Meine Trauminsel. Grünweiß, so wie eine Trauminsel aussehen musste. Soll heißen: Grüner Wald in der Mitte und weißer Sandstrand drumherum.
Ich ging rein.
“Guten Tag. Kann man die Insel, die dort im Fenster hängt, besuchen? Wie heißt sie?”
Die Dame hinter dem Schreibtisch lächelte freundlich: “Das ist Heron Island. Natürlich können sie dort hin.”
Meine Euphorie war nur kurz. 200 Dollar pro Nacht plus 180 Dollar Hin- und Rückfahrt waren vollkommen undiskutabel.
“Aber auf Heron Island haben Sie allen Komfort. Eine Tauchschule, schöne Bungalows ...”
Ich unterbrach sie: “Ja, ja, das glaube ich Ihnen, aber für mich ist das viel zu teuer.”

Ich buchte schließlich Quoin Island - für 8 Dollar. Ohne Übernachtung, ohne Fahrt mit einem Katamaran und sicherlich auch ohne tropischen Cocktail mit Schirmchen an der Bar am Swimming Pool.

Was kann man für 8 Dollar erwarten. Nein, ich stellte mir diese Frage nicht wirklich. Natürlich konnte man für 8 Dollar gar nichts erwarten und so stieg ich am nächsten Morgen ohne Erwartungen auf eine kleine, wackelige Fähre zu zwei weiteren Passagieren und ließ mich die wenigen Kilometer aus dem Hafen von Gladstone heraus zur Insel übersetzen.

Ein kleiner, offener Bummelzug erwartete uns an einem unfertigen Betonsteg. Wir stiegen ein. Rumpelnd brachte er uns einen knappen Kilometer weit, vorbei an ölverschmierten Stränden, Bauschutt und Duzender gefällter Bäume, auf die anderen Inselseite.

Mit einem der beiden Passagiere war ich bereits während der Überfahrt ins Gespräch gekommen. Der Herr mittleren Alters hatte erklärte, er würde hier auf der Insel Ferienhäuser bauen. Jetzt fragte ich mich, wer eigentlich auf die absurde Idee kommen würde, ausgerechnet hier seine Ferien zu verbringen?

Das Bähnchen hielt vor einer weitläufigen, jedoch menschenleeren Hotelanlage. Der andere weibliche Passagier und ich stiegen aus und wurden von einer dicklichen, gut gelaunten Dame begrüßt.
"Ich heiße sie im Quoin Island Resort herzlich willkommen," sagte sie und lächelte professionell.
Ich sah mich um: "Sieht aus, als ob wir hier die einzigen Gäste wären. Ist die Bar geöffnet?"
Die Dame faltete ihre Hände, legte den Kopf zur Seite und sagte zuckersüß und immer noch lächelnd: "Aber selbstverständlich. Sie sind Carol, nicht wahr?"
Ich schüttelte den Kopf: "Nein, ich bin Sabine."
Ihr Lächeln schwand: "Ach ja, Sabine. Sie bleiben nur bis heute Nachmittag."
Sie wandte sich an meine Mitreisende, setzte das Profilächeln wieder auf und gab ihr die Hand: "Dann sind sie sicherlich Carol?"
"Ja," sagte diese mit dünner Stimme.
"Wundervoll," trällerte die Dame, "sie haben für drei Tage gebucht. Ich bin sicher, es wird ihnen gefallen, meine Liebe. Machen Sie es sich doch erst einmal an der Bar bequem. Später werde ich Ihnen ihr Zimmer zeigen."

Wir folgten der Empfangsdame zu einer Bar unter freiem Himmel hinter der zwei Kellner eifrig Gläser wuschen und polierten. Nie zuvor hatte ich unter 20 leeren Barhockern die freie Auswahl. Wir nahmen Platz.

"Woher kommst du, Carol?" fragte ich auf Englisch und sah in ihr deprimiertes Gesicht.
"Du kannst ruhig Carola zu mir sagen," antwortete sie auf deutsch. "Ich komme aus Bielefeld."
Sie holte ein Tempo aus der Tasche und schnäuzte sich die Nase: "Ich verstehe das nicht," begann sie und hatte einen enttäuschten, weinerlichen Ton. "Ich habe mich gestern noch mit meinem Freund gestritten, ob wir lieber hierher oder nach Heron Island fahren. Ich habe gesagt, dass ich auf gar keinen Fall 200 Dollar pro Nacht ausgebe."
Das kam mir bekannt vor. Ich hatte diesen Streit gestern mit mir selbst.
"Nun ist er dort und ich bin hier." Sie deutete mit einer Handbewegung auf die Hotelanlage: "Sieh dir das an! Im Swimming Pool schwimmt Dreck, der Strand ist schrecklich, aber das Schlimmste, oh Gott," sie fing fast an zu weinen, "heute Nachmittag fährst du zurück und ich bin hier mutterseelenallein."

Wir löschten unseren Durst an der Bar und brachen zu einem Spaziergang auf, um die Insel zu erkunden.
Bereits nach einem halbstündigen, enttäuschenden Rundgang saßen wir wieder an der Bar.
“Die Insel ist ja wirklich schrecklich”, sagte ich, “überall wird gebaut. Und dann dieser Lärm. Aber der hört sicherlich bald auf. Heute ist Freitag. Die arbeiten bestimmt hier nicht am Wochenende."
"Was soll ich bloß machen?" jammerte Carola. "An den Strand kann man nicht gehen, der ist zu dreckig. Spazierengehen auch nicht und .... " sie blickte auf und rief: "Wie lange dauert denn das Reinigen des Swimmingpools noch? Ich würde gerne mal ein paar Runden schwimmen."
Ein junger Mann hatte bereits den ganzen Vormittag damit zugebracht, einen riesigen Absauger durch den Pool zu ziehen. Jetzt hielt er in seiner Arbeit inne und rief zurück: "Ich versuche wirklich mein Bestes, aber dieser Pool war lange nicht mehr in Betrieb. Morgen früh können sie bestimmt rein."
"Morgen früh?" Carola rollte die Augen himmelwärts, "und was mache ich bis dahin? Sagen Sie, kommen morgen wenigstens noch ein paar Gäste?"
Der junge Mann sah auf: "Wie ich weiß, nicht, Ma'm. Aber sie haben ja uns fünf. Wir werden Ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich gestalten."
Carolas Unterkiefer fiel herunter: "Sabine, ich fasse es nicht! Ich halte es hier doch nicht drei endlose Tage alleine aus?"
Sie rutschte auf ihrem Barhocker hin und her: "Sag' mal, willst du nicht auch das Wochenende hier verbringen?"
Ich schüttelte den Kopf.
Sie wurde nervöser und legte ihre Hand auf meinen Unterarm: "Ich zahle dir auch die Übernachtungen und .... und zum Abendessen lade ich dich auch ein. Bitte!!"
Verblüfft sah ich sie an und entgegnete verlegen: "Das ist ein tolles, großzügiges Angebot, aber ich möchte doch gerne heute Nachmittag wieder zurück. Außerdem habe ich heute Abend einen Platz im Bus nach Rockhampton. Es tut mir leid, sei nicht böse."
Carola schüttelte den Kopf hin und her: "Bitte, tu' mir das nicht an! Du kannst doch Greyhound anrufen und umbuchen. Du musst einfach hierbleiben, ich ..... ich kann doch ......." Sie brach ab.
Mit einer Handbewegung schob sie ihre Haare hinter die Ohren, wischte sich ein bisschen Rotz von der Nase und sah mich wieder an: "Entschuldige. Es ist schon verrückt, jetzt habe ich doch tatsächlich versucht, mir einen Spielkameraden zu kaufen. Mein Gott, so weit ist es schon mit mir gekommen."
"Ach Quatsch," gab ich zur Antwort, "ich wäre in deiner Situation auch frustriert."

Wir aßen Salat und Sandwiches, tauschten ausgelesene Krimis und zogen stundenlang über die Männerwelt her, so als ob wir schon seit Jahren gute Freundinnen wären.
"Sieh' mal dort!" Carola deutete mit dem Finger zur anderen Seite der großen Terrasse. Zwischen zwei Bungalows kam eine Gruppe Männer am Swimmingpool vorbei geradewegs auf uns zu. "Wo kommen die denn her?"
"Hallo die Damen," sagte einer der Männer, "darf ich euch zu einem Drink einladen?"
Carolas Gesicht hellte sich schlagartig auf. Sie schlug die Beine übereinander und senkte den Blick wie Lady Di: "Aber gerne. Schön, nun muss ich das Wochenende doch nicht alleine hier verbringen. Wie lange werden sie denn bleiben?"
Der Mann sah irritiert zu den Anderen. "Ich ähm ....."
Ein Blonder unterbrach ihn: "Ich glaube, dass Andrew nichts lieber täte, als das Wochenende hier mit Ihnen zu verbringen, aber..."  er lachte, "ich glaube, seine Frau hätte da was dagegen."
Perplex sah Carola erst zu mir und dann zu den Männern.
"Sie wohnen nicht hier im Hotel?"
Alle schüttelten den Kopf.
"Es tut uns sehr leid," sagte ein Dunkelhaariger und grinste, "wir arbeiten hier auf der Insel. Dort hinten, sehen sie dort den Neubau? Wir haben Feierabend und fahren jetzt mit der Fähre nach Hause."
Carola fing an zu lachen und die Männer sahen sich irritiert an.

"Gut," sagte sie schließlich, richtete sich auf und sah mich an. "Nicht nur, dass du mich verlässt, nein, du nimmst auch noch die Männer mit. Das habe ich nicht verdient."

Sie verschränkte die Arme, rutschte auf ihrem Barhocker nach vorne und beugte sich zu den Männern: "Okay Männer! Wieviel?"
"Wieviel?" fragte der Blonde perplex. "Für was?"
"Für ein Wochenende mit einem von euch!"
Es kam ohne ein Zucken über ihre Lippen. Sie lächelte leicht, legte den Kopf zur Seite und wartete. Ich war es, die nervös wurde. Was war denn das?
Die Männer rissen die Augen auf und starrten mit halb offenen Mündern. Einer wurde rot, ein anderer kratzte sich am Hinterkopf. Der Blonde drehte sich leicht und starrte Richtung Ausgang.
Es vergingen mindestens fünf Sekunden, niemand sagte ein Wort. Die Männer nicht, ich nicht. Und Carola ... ? Sie wartete auf eine Antwort.

"Siehst du Sabine," sagte sie schließlich und ließ die Arme sinken, "Nicht mal einer von denen will mein Spielkamerad sein!" Sie warf ihren Unterarm vor die Augen und erklärte: "Gut, geht nur alle! Dann muss ich mich eben mit mir selbst beschäftigen und ein 'Entdecke-deinen-eigenen-Körper-Wochenende' daraus machen. Ich könnte ja vielleicht auch einen der Kellner unter Gewaltandrohung in mein Zimmer zerren oder ...... Müssen Kellner für ihre Arbeit eigentlich volljährig sein? .... Egal, eine Vorstrafe macht den Kohl auch nicht fett. Aber vermutlich .... vermutlich werde ich an diesem gräßlich-öden Wochenende vor Langeweile sterben!"

Die Männer glotzen noch immer. Wie kleine Buben, die gerade zum allersten Mal eine nackte Frau gesehen hatten, blieb ihnen die Sprache weg.
Der Blonde fand als Erster die Sprache wieder: “Ich meine, ich finde, ich glaube ...” Er kratze sich am Hinterkopf und zeigte ruckartig mit dem Finger Richtung Ausgang, “... wir sollten jetzt aber ... ähm ... gehen.”
Der Dunkelhaarige trat nervös von einem Fuß auf den anderen: “Ich meine ... ähm .... ich könnte ja zu Hause ... ähm ... anrufen und ....”
“JAMES!!!” riefen die anderen gemeinsam im Chor.

Carola drehte den Männern auf ihrem Barhocker den Rücken zu, nippte an ihrer Cola, schielte mit einem schelmischen Blick zu mir herüber und flüsterte: “Sind sie weg?”
Ich nickte.

Plötzlich streckte sie ihre Arme in die Höhe: "Na, wie war ich?"
"Wie ... was ...??" Ich wußte nicht, was ich nun davon halten sollte.
"Überzeugend?" fragte sie und sah zu den Männern, die immer noch mit ihrer Verblüffung beschäftigt waren. Sie hatten bereits den Ausgang der Terrasse erreicht und waren somit außer Hörweite.
"Ich bin im 2. Semester der Schauspielschule!"
Ich schluckte.

Auf der Fähre war Carolas Auftritt Thema Nummer Eins unter den Männern. Sie tuschelten und grinsten, schüttelten die Köpfe und deuteten mit diversen Handbewegungen auf die Insel. Es war unverkennbar, dass sie über Carola und ihr seltsames Angebot sprachen.

Ich grinste auch, aber eher über mich selbst. Es blieb die Frage offen, ab wann Carola eigentlich angefangen hatte zu schauspielern und ob ihre ganze 'Frustration' über die grässliche Insel nicht schon eine einzige Vorstellung gewesen war? Ich hatte auf jeden Fall, egal wann Spiel angefangen und Realität aufgehört hatte, jedes ihrer Worte für bahre Münze genommen und hielt mich im Nachhinein für ausgesprochen naiv. Hatte ich wirklich angenommen, sie hätte mir das Wochenende bezahlt, um einen 'Spielkameraden' zu haben, wenn ich angenommen hätte?

© Text Sabine Hopf / Foto oben Sandra Stargardt
 

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aktualisiert am: Donnerstag, 1. Mai 2008