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Die frühen Morgenstunden eines Frühlingstages an der Küste des tropischen Australien sind angenehm kühl und nichts lässt die brütendheiße, feuchte Hitze erahnen, die wenige Stunden später folgen wird. Mit einem leichten Pullover bekleidet stand ich an der Reeling eines großen, weißen Katamarans im Hafen von Bundaberg in Queensland und blickte auf das geschäftige Treiben auf dem Anlegesteg.
Diese Art Katamaran bestand aus zwei Decks und war fast völlig geschlossen. Nur am Heck auf dem unteren Deck hatte man die Möglichkeit, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen. Die enorme Fahrgeschwindigkeit mit der sie durch das Wasser pflügten, ließ ein offenes Sonnendeck nicht zu.
Auf dem Parkplatz vor dem Anlegesteg hielt ein Doppeldeckerbus. Lautstark schnatternd und gestikulierend entstieg eine Gruppe chinesischer Touristen. Im Gänsemarsch eilten sie über den Steg und kamen auf den Katamaran zu. Einer nach dem Anderen liefen sie die Treppe zum Oberdeck hinauf. Das Fassungsvermögen des Doppeldeckers schien endlos und als endlich der letzte Chinese im Oberdeck verschwunden war, sah sich ihr Reiseleiter noch einmal zu allen Seiten nach einem verlorengegangenen Schäflein um und schloss die Tür. Am liebsten hätte ich dort ein Schild mit der Aufschrift: "Eintritt nur mit robustem Magen" angebracht.
Nur zu gut erinnerte ich an eine Katamaran-Fahrt von Hongkong nach Macao vor ein paar Jahren. 99% der Reisenden waren - natürlich - Chinesen. Das Ganze endete in einem Desaster: Bereits kurz nach dem Auslaufen wunderte ich mich über das geschäftige Treiben meiner Mitreisenden um mich herum. Sie kramten in Taschen und Beuteln, legten hier und da irgendwelche Gegenstände zurecht und ehe ich begriff, was vor sich ging, legten sie los: Obwohl wir über eine angenehm ruhige See dahinglitten, war ich plötzlich von würgenden, stöhnenden Kreaturen umgeben, die sich ihrer Mageninhalte entledigten. Wohin ich auch schaute, überall spielten sich die gleichen Szenen ab. Ich überlegte, ob China eigentlich jemals eine Seefahrernation gewesen war und suchte verzweifelt nach einem würgefreien Plätzchen. Auf der Toilette schlug mir ein beißender Gestank entgegen und ich wünschte, ich würde in ein Koma fallen, oder sterben oder Scotty wäre hier und würde mich an jeden anderen x-beliebigen Ort dieser Erde beamen. Nur hier, hier war die Zumutbarkeitsgrenze für den eigenen Magen weit überschritten. Heute weiß ich nicht mehr, wie ich dieses Drama überlebt habe, aber ich erinnere mich, dass ich mir schwor, nie wieder mit Chinesen gemeinsam ein Schiff zu besteigen.
Nun waren sie wieder da und ich hoffte, dass sie hinter der verschlossenen Tür ihres Oberdecks bleiben mögen. Auf dem Unterdeck wurde an der Theke Morning-Tea und Gebäck ausgegeben und während wir mit gedrosseltem Motor aus dem Hafen tuckerten, machte ich es mir mit einem Kaffee und ein paar Keksen auf einem der vorderen Plätze bequem.
Kaum lag die Hafenmole hinter uns, wurde die Theke blitzschnell abgeräumt und die Motoren aufgedreht. Ein sanfter Ruck drückte uns in die weichen Sessel. Peilschnell preschten wir über das Wasser. Wellen, auch kleineren Ausmaßes, forderten ein Höchstmaß an Belastbarkeit für die Bandscheiben und sportliche Balanceakte für das Erreichen der Toilette oder der Bar. Apropos Bar, bereits zu so früher Morgenstunde balancierten einige durstige Australier sich und eine Bierdose zwischen den Sitzreihen hindurch zu ihren Plätzen und ich fragte mich, ob die Männer in diesem Land eigentlich zu irgendeiner Stunde des Tages einmal nicht tranken. Nein, vermutlich nur wenn sie schliefen.
Ich begann meinen Krimi weiterzulesen, doch irgendwie wurde ich unruhig. Also ging ich zum offenen Heck des Schiffes, um frische Luft zu schnappen. Gebannt starrte ich zwischen die Kufen. Riesige Strudel drücken die Wassermassen zusammen und ich bekam eine leise Ahnung, mit welch enormer Motorenkraft wir über den unendlichen Ozean durch das Wasser preschten.
Zurück auf meinem Platz fühlte ich mich unwohl. Ich versuchte weiterzulesen, doch die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen. Ich schaute aus dem Fenster und dachte an die Schönheit der Insel, die mich erwartete, doch mein Unwohlsein hielt an. Unruhig versuchte ich meine Sitzposition zu verändern, meine Beine hochzulegen, doch ich konnte nicht erklären was mit mir los war. Ein unbekanntes, noch nie dagewesenes Gefühl, ja es war mehr ein Gefühl, als eine Unwohlsein, nahm Besitz von mir. Leichte Panik stieg auf. Was passierte mit mir? Ich wünschte ich könnte um Hilfe rufen, aber ich wußte nicht nach wem. Nach einem Arzt, einem Geistlichen oder gleich nach den Männern in den weißen Kitteln? Fast eine halbe Stunde fühlte ich mich entweder vom Teufel besessen oder mit dem Morning-Tea unter Drogen gesetzt und plötzlich, ja urplötzlich stülpte sich mein Magen nach außen, erweiterte sich meine Speiseröhre und ich rannte wie in Panik auf die Toilette. Ich war so überrascht, so schockiert, dass ich es nicht glauben wollte: Ich war seekrank!
Zurück in meinem Sessel versuchte ich mich zu beruhigen. Das konnte nicht sein! Noch nie in meinem Leben war ich seekrank gewesen. Ich hatte in Booten und Schiffen, vom Ozeandampfer bis zur Nussschale Flüsse, Seen und Meere überquert. Ich hatte mit 8 Jahren bei Windstärke 10 jauchzend an der Reeling einer Autofähre bei Dänemark gestanden und "mehr, mehr" gebrüllt, während drinnen im Restaurant das Geschirr klirrend von den Tischen rutschte. Ich konnte endlos lange Achterbahn fahren, während meine Freunde schon lange aufgehört hatten und bleich und kopfschüttelnd auf meine Rückkehr warteten. Ich jubelte jedes Mal aus vollem Herzen, wenn ein Flugzeug in ein Luftloch geriet und handelte mir das Unverständnis der anderen Fluggäste ein, die mich ängstlich anstarrten. Wie um alles in der Welt konnte so jemand plötzlich seekrank werden? Nein, ich konnte und wollte es nicht wahrhaben. Ich verfluchte meine Vorurteile gegenüber Chinesen und wollte sofort zum Oberdeck gehen und mich entschuldigen.
Obwohl es mir während der weiteren Fahrt nicht besser ging, machte ich einen großen Bogen um die kleinen weißen Pillen, die an der Bar zur kostenlosen Einnahme auslagen. Das waren Pillen für wirklich Seekranke. Ich, nein ich, ich war nur ein ...... Zufallsseekranker!
Zwei Stunden später tauchte eine kleine grüne Insel am endlos blauen Horizont auf und das Schiff wurde langsamer. Wir bogen nach links und fuhren um das Eiland herum. Inmitten eines großen, smaragdgrünen Atolls gelegen war das kleine Inselchen nur von einer Seite durch eine schmale Zufahrt zwischen den Korallen hindurch zu erreichen. Gebannt starrte ich auf die tropische Köstlichkeit die wir umrundeten. Umgeben von strahlendweißem Sand hatte sie in der Mitte einen dichten Wald aus Yucca-Palmen, in dem sich Hunderte von Vögeln tummelten.
Das Schiff drosselte seine Fahrgeschwindigkeit ein weiteres Mal und meine so genannte Seekrankheit war urplötzlich verschwunden. Wir machten am Ende der schmalen Zufahrt an einer großen, im Wasser verankerten Holzplattform fest. Sie lag rund 50 Meter vom Ufer entfernt und war zur Hälfte überdacht. Kleine Glasbodenboote schaukelten im seichten Wasser.
Aus dem Schiffslautsprecher quäkte eine unverständliche Stimme: "Meine Damen und Herren, wir begrüßen sie auf Lady Musgrave Island. Wir werden hier vier Stunden bleiben und sie haben verschiedene Möglichkeiten, sich die Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Die Glasbodenboote stehen für eine trockene Erkundung der Korallenwelt zur Verfügung. Sie können sich aber auch Schnorchel oder eine Taucherausrüstung ausleihen und die herrliche Unterwasserwelt genauer in Augenschein nehmen. Das ist dann leider eine nassere Angelegenheit. In einer Stunde wird unser Lunchbuffet dort unter dem Sonnensegel aufgebaut sein. Unsere Glasbodenboote bringen sie außerdem jederzeit hinüber zur Insel. Wir wünschen Ihnen viel Spaß und gute Erholung. Vielen Dank!"
Da ich für Schnorchel oder Taucherausrüstung zu feige war, entschied ich mich für das Glasbodenboot. Ca. 20 Passagiere hatten in diesem kleinen überdachten Boot Platz. Man saß zu beiden Seiten auf einer langen Bank und schaute in der Mitte auf einen Boden aus Glas. Ich stellte mich brav an. Erst als ich im Boot bereits Platz genommen hatte, bemerkte ich sie. Über die Hälfte meiner Mitfahrer waren Chinesen. Himmelherrgott, sie verfolgten mich! Nun gut, ich nahm nicht an, dass ihnen hier bei diesem seichten Geschaukel schlecht werden möge, aber ich wußte um ihr recht unkollegiales Verhalten in größeren Gruppen. Doch zum Wiederaussteigen war es bereits zu spät.
Ein freundlicher Skipper stand am Ruder und erzählte Interessantes über das Riff, die Pflanzen- und Tierwelt und die Besonderheiten der leicht aus dem Gleichgewicht zu bringenden Unterwasservegetation. Wir erfuhren etwas über die unerklärliche Krankheit, von der viele Korallen seit Jahren befallen waren und über die Tragik, dass sich das Riff seit Jahrzehnten durch die fortschreitende Umweltverschmutzung langsam in der Auflösung befand. All dies war hochinteressant und ich saugte die neuen Informationen begeistert auf. Leider wurde es bereits nach 5 Minuten zunehmend schwieriger, dem Skipper zuzuhören. Unsere asiatischen Mitfahrer verhielten sich genau so, wie ich es vorausgesehen hatte. Lautstark schnatterten sie ununterbrochen miteinander - ich hatte das Gefühl, sie holten nicht einmal Luft beim Reden. Unser Skipper erhöhte seine Erzähllautstärke, was jedoch nur zur Folge hatte, dass die Chinesen ihren Redepegel ebenfalls anhoben. Schließlich wurde es unmöglich, unseren freundlichen Skipper überhaupt noch zu verstehen. Ich bekam nicht einmal mehr Bruchstücke mit und wunderte mich, dass es die australische Höflichkeit unserem Skipper verbat, mit ein paar freundlichen aber energischen Worten dazwischen zu gehen. So redete und redete er, ich rückte näher und näher und schließlich platzte mir der Kragen. "Shut up!" rief ich mit einem wütenden Blick den Chinesen zu.
Augenblicklich verstummten sie und sahen mich perplex an. So viel Durchsetzungskraft waren sie nicht gewohnt. Ich spürte dankbare Blicke einer Engländerin gegenüber, bemerkte das Lächeln eines amerikanischen Familienvaters im Heck, die leise geflüsterten Worte “Thank you” der Australierin neben mir und das Kopfnicken unseres Skippers. 'Schön und gut', dachte ich, 'aber warum seid ihr ewig zu feige, es selbst zu tun?' Ich verachtete die Mentalität vieler deutscher Touristen im Ausland, die ständig über alles und jedes herziehen, nichts für gut genug halten. Auf der anderen Seite jedoch war mir wieder und wieder aufgefallen, dass es fast ausschließlich Deutsche waren, die ab und zu mal den Mund aufmachten, wenn andere sich daneben benahmen.
Nach dem Plündern des Buffets - es war abwechslungsreich, frisch. kühl und köstlich - ließ ich mich zur Insel übersetzen. Die letzten Meter zum Strand musste man zu Fuß zurücklegen und ich brauchte geraume Zeit, um barfüßig an den spitzen Korallen vorbei auf den weichen Sand zu balancieren. Die meisten meiner Mitreisenden hatten sich bereits gegenüber des Schiffes, Herdentieren gleich, auf ein paar wenigen Quadratmetern Strand niedergelassen und aalten sich in der Sonne. Ich blicke nach links und rechts - beide Seiten des Strandes lagen menschenleer in der Sonne. Wunderbar - ich erkannte die Chance zu meiner ersten Ein-Mann-Inselumrundung. Mit gut einer Stunde hatte man die Umrundung angesetzt und ich errechnete, dass genügend Zeit blieb, ohne das man eventuell auf mich warten musste.
Der Sand des Strandes war weich wie Puderzucker und so weiß, dass selbst meine Sonnenbrille die intensive Strahlung nicht abfangen konnte. Der Belichtungsmesser meiner Kamera spielte verrückt und erklärte mir, dass ich mit einer 1000stel Sekunde und abgeblendet bis 22 vielleicht eine Aufnahme machen könnte.
Sanft schwappte das türkisblaue Wasser ans Ufer und eine leichte Brise, nach Algen und See duftend, ergab mit dem Rauschen des Windes in den Bäumen ein Gefühl von absoluter Harmonie und Ruhe. Schon nach der ersten kleinen Biegung hatte ich jegliche Zivilisation hinter mir gelassen. Nur das Meer, der Sand, die Vögel in den Bäumen und ich. Ich spürte ein großartiges Gefühl von Freiheit und eins sein mit der Natur und hoffte, diese Atmosphäre würde für immer in meinem Gedächtnis haften bleiben.
Auf einem tief zum Strand geneigten Baum konnte ich einen der vielen Vögel genauer betrachten. Ich vermutete sie zur Kategorie der Papageien. Mittelgroß mit einem gebogenen Schnabel, einem langen Schwanz und in allen nur erdenklichen Farben des Regenbogen leuchtend. Diesen Vogel kennen die meisten nur aus dem Zoo. Hier aber gab es Tausende davon. Ja, in diesem Moment fiel mir auf, dass alle Vögel der Insel von derselben Art waren. Und so als ob sie alle zu einer großen Familie gehörten, flogen sie wild durcheinander, ließen sich mal hier, mal dort nieder, schnatterten und kreischten, neckten und balgten sich, knabberten an den Bäumen und aneinander.
Ich war die einzige Inselumrunderin. Ohne all die anderen hatte ich das Gefühl eines echten Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel. Obwohl, ich bedauerte, dass niemand da war, um ein Foto von mir zu machen. Wie so oft - als Alleinreisender wird man erfinderisch - machte ich eine Aufnahme mit Selbstauslöser. Ich suchte einen passenden Baum, quetschte ich Kamera zwischen zwei Äste, drückte ab und lief zum Wasser. Klick! (Ergebnis siehe Foto oben) Wozu brauche ich an so einem herrlichen Ort andere, dachte ich, setze mich auf einen Stein unter einen Baum und schloss die Augen. Die Frische des leichten Windes, der Duft des Meeres und die wundervolle Stille - es war einer dieser Momente von denen man hofft, sie mögen nie zu Ende gehen.
“Kraaak!” Neben mir stand ein kleiner Papagei im Sand, sah mich an und drehte den Kopf zur Seite, als wollte er mich mustern. “Tschuldigung,” sagte ich zu dem kleinen Kerl. “Ich weiß, das ist eure Insel. Ich will hier nur ein bisschen sitzen. Die Insel ist so wunderschön.” Wieder drehte er den Kopf zur Seite. “Kraak!” machte er, nachdem er mich noch einmal eingehend gemustert hatte. “Euch gehen die dämlich Touristen auf den Keks, nicht wahr?” “Kraaak,” war die Antwort, die ich erwartet hatte.
Als ich wieder am Ausgangspunkt angekommen war - es war genau eine Stunde vergangen - sah ich bedauernd auf meine Reisegenossen. Hier, wo eine einzigartige, unberührte Natur zu ihren Füßen lag, hatten sie nichts weiter im Sinn, als sich an den Strand zu legen und sich die Sonne auf ihre Bäuche scheinen zu lassen, so als wären sie an einem langweiligen, x-beliebigen Strand auf dieser Welt. Wieso gaben sie dafür bloß Geld aus? Der Ausflug war mit 100 A$ schließlich nicht billig.
Auf der Rückfahrt tauchte meine seltsame Seekrankheit wieder auf. Musste ich befürchten, dass mir dieser Zustand ab jetzt bei jeder Schaukelei bevorstand, oder war es nur das Ergebnis ungünstiger Umstände? Aber verdammt noch mal, welche Konstellation von Umständen war das?
© Text Sabine Hopf / Foto oben Sandra Stargardt
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