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rocky

Seefracht Überlänge
oder
Die Kunst, ein Didgeridoo zu verschicken

- Eine Postamt-Geschichte von Sabine Hopf -

 
Rockhampton - eine interessante Stadt am Übergang zwischen dem tropischen und dem subtropischen Teil Queenslands.
Ich hatte in den letzten Tagen nette Reisebegleiterinnen gefunden. Nun waren wir auf dem Weg zum Hauptpostamt, einem imposanten Gebäude in der Fußgängerzone.

Andrea hatte ein Didgeridoo, ein langes, dünnes Holzblasinstrument der australischen Ureinwohner erworben und wollte es nach Deutschland schicken. Auch wenn man vermutlich Monate brauchte sowie einen guten Lehrer, um aus diesem Instrument überhaupt einen Ton, geschweige denn eine Melodie herauszubekommen, so war es dennoch ein interessantes Souvenir. Es ist authentisch und ungewöhnlich und stolz konnte man zu Hause vorgeben, man hätte es unter äußerst schwierigen Verhandlungen einem alten Eingeborenen abgekauft. Wer wußte schon in Deutschland, dass es dieser Dinger hier in jedem Souvenirladen zu kaufen gab. Der Erwerb war also einfach. Aber dann? Wer schleppt schon gerne ein über einen Meter langes Stück bemaltes Holz mit sich herum, wenn er sich auf Reisen befindet? Keine Tasche war dafür groß genug. Aber .... wozu gibt es die Post!

Großartige victorianische Architektur von RockhamptonGut verpackt, eingewickelt in diverse bedruckte T-Shirts mit Aufschriften wie “I didn't climb the Ayers Rock” oder “I survived a shark attack” und umhüllt von braunem Packpapier war das Didgeridoo perfekt für seine lange Reise verpackt. Andrea hatte all ihre Sorgfalt hineingelegt, damit es sicher in Deutschland ankommen konnte.

Am Schalter hatten wir Schwierigkeiten.
"Also," erklärte eine freundliche Dame hinter dem Schalter, "so einfach ist das nicht. Das Didgeridoo ist zu lang. Es ist ein Meter 20. Leider befördern wir nur Gegenstände bis zu einem Meter Länge. Mmmh, was machen wir denn da?"
Wir sahen uns fragend an. Ratlos blickte auch die Postbeamtin in die Runde. Eine Schweigeminute entstand.

"Shirley," rief sie schließlich mit einer äußerst schrillen Stimme durch das Postamt, "sag mal, wo steht das mit der Überlänge?"
Eine kleine, dickliche Mittfünfzigerin kam mit einem dicken Ordner in der Hand angelaufen und legte ihn auf den Schalter: "Ich glaube es steht unter G wie Größe," erklärte sie, schlug den Ordner auf und blätterte.
"Nein," rief ein dünner Postbeamter, der am Nebenschalter gerade einen Kunden abfertigte, zu ihr herüber, "es steht unter S wie Sonstiges!"

Shirley schüttelte den Kopf und klappte den Ordner wieder nach vorne: "Nein, unter G steht es nicht und unter S auch nicht! Wo soll's denn hingehen?"
Andrea fühlte sich zuerst nicht angesprochen. Die ganze Aufregung hatte sie verwirrt.
"Ähm, ähm," antwortete sie schließlich, "nach Deutschland."
"Ja," erwiderte Shirley und sah ihre Kollegin an, "dann musst du sowieso unter Ü wie Übersee nachsehen!"
"Nein," tönte der Dünne wieder vom Nebenschalter, er hatte mittlerweile einen neuen Kunden, "das steht unter S wie Seefracht!"

Sie blätterten bei S, bei Ü, sie blätterten den ganzen Ordner rauf und runter und schließlich brüllte Shirley durch das ganze Postamt: "John, John, sag' mal, wo steht das mit Seefracht Überlänge?"
Aus einem hinteren Raum ertönte eine voluminöse Männerstimme: "Unter S wie Sonstiges!"
"Nein," brüllte Shirley zurück, "da steht es nicht!"

Zu der kleinen Gruppe hinter dem Schalter gesellte sich nun auch John. Er klappte den Ordner wieder nach vorne und begann von Neuem mit der Suche: "Es muss bei Sonstiges stehen!"
"Nein," der Dünne vom Nebenschalter blieb hartnäckig, "es steht unter S wie Seefracht, verdammt!"

Die ganze Situation begann uns peinlich zu werden. Mittlerweile waren alle Mitarbeiter des Postamtes damit beschäftigt, für Andreas Didgeridoo die richtige Beförderung und den Preis zu ermitteln.

Ein weiterer Ordner wurde hervorgeholt, Faltblätter und Broschüren zu Rate gezogen.
Der Dünne vom Nebenschalter hatte einen weiteren Kunden abgefertigt und kam zu uns herüber. Die Schlange vor seinem Schalter wartete geduldig.
"Nimm diese Zollerklärung," erläuterte er unserer freundlichen Postbeamtin und knallte einen Zettel mit mehreren Durchschlägen auf den Tisch, "fülle Blatt F aus, wiege das Paket, nimm Länge mal Gramm mal Seefracht plus ........ " Der Rest entzog sich unseren mangelnden Englischkenntnissen.

Der kleine Pulk von Postbeamten hinter unserem Schalter löste sich langsam auf und die nette Dame befolgte beflissentlich alle Anweisungen des Dünnen vom Nebenschalter.
"Das macht dann 45 Dollar," sagte sie schließlich, nachdem das lange, dünne Paket mit Aufklebern, Briefmarken, Stempeln, der Zollerklärung und einem dicken Vermerk ‘Vorsicht zerbrechlich’ über und über beklebt war und die Adresse dazwischen unterging.

"45 Dollar?" Andrea war sprachlos.
Silvia sah sie an und buffte sie in die Seite: "Na sag' mal! Jetzt mach bloß keinen Rückzieher! Du kannst jetzt unmöglich zu denen sagen, dass dir die ganze Angelegenheit zu teuer ist, nachdem die 'ne halbe Stunde mit dir zugebracht haben!"

Kleine Schweißperlen bildeten sich auf Andreas Stirn. Die Dame hinter dem Schalter blickte geduldig auf sie herab und wartete höflich.
"Ich kann doch nicht ...." Andrea schaute hilfesuchend erst mich und dann Silvia an.
"Los jetzt," wieder stieß Silvia sie in die Seite. "Was hast denn denn gedacht, was es kosten würde? Nun ist es sowieso zu spät, darüber nachzudenken. Zieh' schon deine Kreditkarte! Wir gehen hier garantiert nicht mit dem Didgeridoo unter dem Arm wieder raus! Auf gar keinen Fall! Das wäre zu peinlich.”
Mürrisch zog Andrea schließlich ihre Kreditkarte aus dem Portemonnaie und legte sie auf den Schaltertisch.

Wieder auf der Strasse sahen wir uns an: “Meint ihr in Deutschland hätten die sich so viel Mühe gegeben,” fragte Silvia?
“Nein, nein,” antwortet ich. “Die hätten uns ohne Zweifel mit einem Achselzucken stehenlassen und gesagt: Schicken Sie’s doch mit UPS, die nehmen alles.”
Andrea trottet langsam hinter uns her: “Ja, ja .... klar waren die nett. Aber 45 Dollar? Das ist mein ganzes Tagesbudget. Essen fällt heute aus!”

© Text Sabine Hopf / Foto oben Sandra Stargardt
 

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aktualisiert am: Donnerstag, 1. Mai 2008