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Kommentar zum "Drei-Monats-Syndrom" von Benjamin Spieler
 

Ich hatte meine Australienreise für 4 Monate geplant, doch ausgerechnet nach dem 3. Monat verlängerte ich sie auf  knappe 10 Monate. Das soll nicht heißen, dass mir das  "Keine-Reise-Lust"-Problem unbekannt war. Ich hatte viele Travellers getroffen, die darunter litten, doch selber wollte sich dies bei mir nie einstellen.

Vielleicht ein wichtiger Unterschied: Ich war in Australien mit einem Arbeitsvisum unterwegs und so von Zeit zu Zeit mehr oder weniger freiwillig auf meist körperlich sehr anstrengende  Arbeit angewiesen (wem Fruitpicking etwas sagt, wird wissen was ich meine ...). So hatte ich zwischen vielen Reiseabschnitten auch immer wieder die Gelegenheit, mich kurzfristig irgendwo etwas niederzusiedeln, Menschen besser kennen zu lernen und vor allem mich auf den nächsten Reiseabschnitt zu freuen.

Selbst Reisende ohne Arbeitsvisum können über WWOOFing, mit dem ich sehr gute Erfahrungen gemacht habe, solche Pausen einlegen, die dann meist von einer ganz anderen Seite aus gesehen sehr interessant sind.

Das 3-Monats-Syndrom fiel mir besonders bei Reisenden auf, die sich organisiert durch Australien "kutschieren" ließen: Lange Busreisen, ein immer fröhlicher Tourguide, der einem die schönsten Plätze mit den  unglaublichsten Geschichten versüßen möchte.
Viele traf ich die sagten: "Nein danke, ich habe genug gesehen. Ich möchte mich wieder gemütlich in  meine Wohnung setzen. Keine Touren mehr, keinen Rucksack erneut packen!"
Diese Leute konnte ich sehr gut verstehen. Ich war Anfangs ca. 2700 km etappenweise mit einem Bus unterwegs gewesen und ließ mir Sehenswürdigkeiten auf geführten Touren näherbringen. In dieser Zeit hatte ich wunderschöne Gegenden gesehen und richtig Urlaub gemacht. Doch danach sagte ich mir: "Keine Busse und Touren mehr!".
Zu viele Touristen, mehr deutschsprachige Menschen in dem menschenleerem Australien als richtige Australier. Ich kaufte mir ein billiges (und sehr schlechtes) Auto, gabelte bei unglaublichen Begegnungen Freunde auf, die  ich vorher nur kurz in einem Backpacker kennen gelernt hatte und erlebte 12.000 unvergessene Kilometer. Abenteuer pur, mit Menschen die nun Freunde fürs Leben darstellen.
Auch danach wurden Wanderungen in kleinen Gruppen selbständig geplant und das Autostoppen entwickelte sich zu einem neuem Hobby!
Natürlich mögen vielleicht einige zuerst zurückschrecken. Sicherlich sieht man mit einem Tourguide mehr, denn viele Geheimtipps stehen einfach in keinem Reiseführer. Sicherlich bleibt niemand mit einem  Busunternehmen im Outback stecken. Sicherlich ist der Kauf eines Autos (oder besser, einer Schrottlaube) ein finanzielles Risiko, zumindest wenn man sich so gut damit auskennt wie ich.
Doch letztendlich muss ich sagen: irgendwann kann keine noch so traumhafte Landschaft mehr aufgenommen werden, irgendwann ist der Kopf mit Eindrücken einfach voll und setzt Schranken. Wenn man dann alles weiterhin erzwingen will, sehe ich das 3-Monats-Syndrom sehr nahe. Wenn du diesen Moment jedoch richtig erkennst, dann solltest du beginnen nicht mehr wegen Naturkulissen und Sehenswürdigkeiten zu reisen, sondern wegen der Menschen.

In einer kleinen Gruppe haben wir so ziemlich jede Bequemlichkeit ausgelassen, um Geld zu sparen. Später sagten Freunde  zu Hause zu mir, ich hätte mich nur noch durchgeschnorrt und ein Landstreicherleben geführt. Das sehe ich nicht so. Mit anderen habe ich viele Abenteuer erlebt und die australische Gastfreundschaft  genossen.
Um ehrlich zu sein: sicherlich ist die Laune am Tiefpunkt,  wenn auf einer 260 km langen Gravelroad der 2. Reifen platzt und nun kein weiterer Ersatzreifen mehr zur Hand ist; wenn auf einer einwöchigen Wanderung, auf der vom Zelt über Gaskocher bis zum Klopapier alles selber getragen werden muss, ein paar freche Vögel das Mittagessen klauen. Oder wenn man beim Hitchhiken in einem richtig miesen Kaff, von dem ich bis heute nicht einmal den Namen kenne, 4½ Stunden festhängt. Doch gerade das sind die Geschichten, die ich auch ohne Fotos noch in 20 Jahren begeistert erzählen kann.

Als ich an meinem letzten Tag in Sydney stand, "The Rocks" zwischen Habour Bridge und Opera House,  ich hatte nie Heimweh oder das 3-Monats-Syndrom, nein, bei dem Gedanken an den Rückflug hatte ich Tränen in den Augen.
Das 3-Monats-Syndrom ist  sicherlich vorhanden, aber es lässt sich mit einer "offen für alles Einstellung" sicherlich auch leicht umgehen und dann steht einem die schönste Zeit überhaupt bevor!

Euer begeisterter Australien Fan,
Benjamin!!!