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Working Holiday / Work & Travel in Neuseeland
Winterpruning in der Bay of Plenty
Arbeiten auf einer Kiwi-Plantage

- ein Erfahrungsbericht von Jörn O. Villwock -

 

 
Nachdem ich mich für zwei Monate faulenzend durch das Northland und die Coromandel Halbinsel geschlagen hatte, führte mich mein Weg in die Bay of Plenty, genauer gesagt in das Städtchen Tauranga.
Da ich bereits Schwielen vom Buchseitenumblättern hatte, dachte ich, dass es nunmehr an der Zeit wäre, meinen Beitrag zum neuseeländischen Bruttoinlandsprodukt zu leisten. Und da die Bay of Plenty quasi die Heimat der Kiwifrüchte ist, lag es nahe, nach Arbeit auf den Kiwiplantagen zu suchen.
Wie ich bereits von anderen Travellern gehört hatte, ist es das Einfachste, sich in ein Hostel einzuquartieren, das Saisonarbeit vermittelt. Das spart die eigene Suche nach potentiellen Arbeitgebern.

Nach kurzer Referenz meines BBH-Guides entschied ich mich für das Hostel "Just the Ducks Nuts" (JTDN) (ja, es heißt genau das!).
Da nach meiner Erfahrung Mitte Juni die meisten Hostel beinahe leer stehen, buchte ich nicht im Voraus und war sehr überrascht festzustellen, dass das Hostel komplett ausgebucht war.
Doch die gemütliche Atmosphäre und die zauberhafte Hostelmutter veranlassten mich dazu lieber zu warten, als in einem der anderen Hostel (siehe Liste unten) einzuchecken. Ich buchte also im Voraus und hatte eine Wartezeit von einer Woche, die ich mit ein wenig Sightseeing in der Umgebung füllen wusste.

Nach meiner Rückkehr nach Tauranga konnte ich dann problemlos einchecken.

Das Just the Ducks Nuts Hostel in Taurangadot2_red Das Just the Ducks Nuts ...
... ist ein 20-Bett-Hostel mit 4 Schlafsälen und 2 Double/Twin Rooms. Zusätzlich wird es im benachbarten Haus ab Oktober/November 2004 noch einmal zusätzliche 10 Betten geben, die (nach einem Rechtsstreit mit Nachbarn) offiziell leider nicht zum Backpacker gehören dürfen und nun für die Langzeitgäste als Flat angeboten werden.

dot2_red Die Wochenrate ...
... im JTDN beträgt 100 NZ$. Es gibt zusätzlich zwei Stellplätze für Vans, auf denen man für 70 NZ$ die Woche in seinem eigenen Auto übernachten kann. (Die Stellplatzmöglichkeiten sollen aber ausgebaut werden.)

Da zur Zeit meiner Ankunft kein Bett frei war, und ich einen eigenen Van hatte, war ich glücklich einen der günstigen Stellplätze zu ergattern. Da ich eine BBH Karte mein eigen nannte, gab es noch mal einen Rabatt und so zahlte ich nur sagenhafte 60 NZ$ die Woche für meine Unterkunft. Eine Entscheidung, die ich an manch frostigem Morgen verwünschte, die mir aber am Ende der Woche 40 NZ$ zum freien Verplempern bescherte.

Aufenthaltsraum im Just the Ducks Nuts Hosteldot2_red Das Hostel selbst ...
... ist ein umgebautes, normales Wohnhaus und besitzt ein gemütliches Wohnzimmer mit Kamin (der im Winter fleißig genutzt wird), eine große Essecke und eine kleine Küche (die demnächst allerdings vergrößert werden soll).
Die Atmosphäre ist eher wie in einer WG, denn in einem Hostel. Viele der Hostelgäste sind bereits mehrere Monate hier und kennen sich natürlich untereinander.

dot2_red Sue (die Hostelmutter) ...
... hält Kontakte zu vielen verschiedenen Arbeitgebern. Und Arbeit ist das ganze Jahr hindurch in den unterschiedlichsten Bereichen zu haben. Allerdings ändert sich das Arbeitsangebot ständig je nach Saison, Bedarf und Angebot. Es gibt vornehmlich Arbeit auf (natürlich) Kiwiplantagen, aber auch auf Mandarinen-, Blumen- und Avocadoplantagen. Darüber hinaus gibt es auch zeitweilig Arbeit im Packhouse, wo die Kiwis nach der Ernte verpackt werden. Und natürlich diverse andere Arbeiten, die nicht so regelmäßig anfallen.

dot2_red Der Schwerpunkt der Arbeit...
... liegt aber wie gesagt bei den Kiwis. Winterpruning geht ca. von Mai bis September. Danach folgt Pollination (künstliche Bestäubung) im Oktober. Zeitgleich fängt auch das Sommerpruning für die Goldenen Kiwis an, das nahtlos in das Sommerpruning und -thinning für die grünen Kiwis übergeht. Das Picking (die Ernte) startet dann ca. im März.

Leider werden Frauen beim Thema Pruning schwer benachteiligt. Ich habe zwar Frauen kennen gelernt, die den Job gemacht haben (und ich sehe auch keinen Grund warum nicht), aber es wird grundsätzlich erst einmal “Nein” gesagt. Allerdings werden dafür Frauen – sozusagen als Ausgleich – gerne für das “tie-en” angeheuert (das Festbinden der Äste an den Führungsdrähten).

dot2_red Arbeitskleidung
Nach kurzer Beratung mit Sue wurde ich dann – entsprechend der Jahreszeit – Winter-Kiwi-Pruner. Trotz des großen Arbeitsangebotes musste ich drei Tage warten, bis eine passende Stelle frei wurde, doch diese Zeit konnte ich wunderbar nutzten, um mich im Warehouse kleidungstechnisch auf "Outdoor"-Arbeit vorzubereiten.
Sinnvoll ist in jedem Fall eine lange Hose (eine billige Jeans ist optimal), da die kleinen, garstigen Sandflies auf den Orchards (Plantagen) leider nie fern sind (ja, auch im Winter!).
An Oberbekleidung ist ein T-Shirt angebracht, mit einem guten Pullover darüber (die Morgen- stunden sind gerade im Juli/August empfindlich kalt und teilweise frostig. Später, bei Sonne kann es dann rapide sehr warm werden, so dass das T-Shirt gute Dienste leistet).
Eine Regenjacke sollte auch nicht fehlen.
An Fußbekleidung kann man Gummistiefel natürlich immer empfehlen (Die Profis tragen alle "Gumboots").
Wer jedoch die horrende Investitionssumme von 10 Dollar für ein paar Billige scheut: Ich hatte mit meinen alten Outdoortretern keinerlei Probleme (bis auf ein paarmal nasse Füße). Darüber hinaus sollte man auch Sonnencreme nicht vergessen. Je nach Hauttyp, kann man auch im Winter schnell mal “rot” werden.

dot2_red Transport zur Arbeit
Tja, dann war mein großer Tag der Arbeitsaufnahme da. Morgens Aufstehen, rein in die (noch) neue Arbeitskluft und los ging’s.
Bei dieser Gelegenheit sollte vielleicht erwähnt werden, dass Sue nicht nur die Arbeit organisiert, sondern auch den Transport hin und zurück.
Meist gibt es Mitfahrgelegenheiten bei Kollegen aus dem Hostel (Benzingeld wird natürlich geteilt). Viele Arbeitgeber bieten aber auch einen Fahrservice an und holen die Arbeitswilligen vom Hostel ab und bringen sie Abends wieder zurück.
Zur allergrößten Not schwingen sich auch Sue oder Gordon (ihr Mann und Mitbetreiber des Hostel) hinter das Lenkrad und fahren (unentgeltlich! Es sollte daher möglichst nicht zur Gewohnheit werden).

Das Arbeitswerkzeug für das Kiwi Pruningdot2_red Arbeitswerkzeug
Als ich nach kurzer Fahrt dann auf der Orchard ankam, wurde ich sehr freundlich von Peter (meinem Contractor) begrüßt und dann gleich mit meinem Arbeitswerkzeug ausgestattet. Ich erhielt eine große Astschere (genannt Lopper), eine kleine Astschere (gen. Scissor) und eine Ledertasche, die mit bunten Plastikclipsen gefüllt war (siehe Bild rechts).

Anschließend wurde ich dann in die Kunst des Kiwiprunings eingewiesen. Beim Pruning geht es im Prinzip darum, alte Äste und altes Holz herauszuschneiden und durch junge, fruchttragende Äste zu ersetzen.

dot2_red Die Bezahlung
Klingt simpel und einfach, doch die Auswahl, den richtigen Ast abzuschneiden (und den Richtigen dranzulassen!) und darüber hinaus auch noch den richtigen Abstand der Äste einzuhalten, erfordert Anfangs einiges an Übung.
Daher arbeitet man zunächst auch auf Stundenbasis (allgemein 10 NZ$ pro Stunde). Sobald man sich ein wenig eingearbeitet hat, wird man dann aber schnell auf "Contract" umgestellt.

Contract bedeutet eigentlich nur, dass man nicht nach Arbeitszeit, sondern nach Arbeitsleistung bezahlt wird. Auf den Kiwiorchards wird man pro bearbeitete Bay entlohnt.
 

 

Der Kiwi Orchard

 


Eine Orchard gliedert sich wie folgt:

  1. Kiwi OrchardBlocks - ein zusammenhängendes Feld von Pflanzenreihen (Bild oben)
  2. Rows oder Lanes - die befahrbaren Freiflächen zwischen den Pflanzen innerhalb eines Blocks (Bild rechts) und
  3. in Bays - der rechteckige Raum zwischen zwei Stützpfosten innerhalb einer Row.
     

Die Bezahlung pro Bay variiert von Contractor zu Contractor. Doch es wird auch unterschiedlich viel an Arbeitsschritten verlangt.

Ich musste die Äste beschneiden und den ersten Clip setzen, mit dem die Äste an gespannten Drähten fixiert werden. Eine zweite Kolonne von Tie-ern ((Fest-)Bindern) kam dann hinterher und fixierte die Äste auf den restlichen Drähten. Bei anderen Contractern muss man alles selbst machen, wieder andere lassen nur Prunen und überlassen sämtliche Clips den Tie-ern usw ...

Nach Austausch mit Kollegen kann gesagt werden, dass der Baypreis im Endeffekt überall ähnlich ist.Man sollte also nicht gleich im Viereck springen, wenn man von einem Kollegen hört, dass er 6 NZ$ pro Bay verdient und man selbst nur 4 NZ$. Fragt lieber, was der Andere dafür alles zu tun hat.

Im Schnitt kann man sagen, dass man als geübter Pruner zwischen 400 und 500 NZ$ pro Woche verdienen kann (wirklich Gute auch mehr).
Anfangs kann es jedoch recht hart sein, dieses Ziel zu erreichen. Nicht nur, dass man naturgemäß langsamer ist, viele haben auch mit Muskelkater oder Gelenkschmerzen zu kämpfen (ich hatte 2 Wochen lang ein wehes Ellbogengelenk).

dot2_red Die Arbeit an sich
Darüber hinaus ist die Arbeit nicht wirklich schwer oder anspruchsvoll. Man hat viel Zeit zum Denken auf den Feldern, da sich (abgesehen von den Pausen) nur selten Gelegenheiten zum Plaudern ergeben.
Arbeit mit Discman ist nur bedingt empfehlenswert, da man sich sehr viel bewegt und jeder Schnitt mit der großen Astschere den ganzen Körper durchrüttelt. Man sollte also wenn, dann einen Discman mit guten Batterien, einem guten Anti-Shock und fixierbaren Kopfhörern haben.

dot2_red Die Arbeitszeit ...
... ist im Schnitt 8 bis 9 Stunden netto. Ich arbeitete von 07:30-10:00, 10:15-12:30, 01:00-03:00 und von 03:15-04:30, woraus sich eine Nettoarbeitszeit von 8 Stunden pro Tag ergibt.

Doch es variiert mal wieder von Contractor zu Contractor.

dot2_red Fazit:
Ich habe nunmehr drei Monate Winterpruning hinter mir und wenn ich jetzt so zurückdenke, hat es wirklich Spaß gemacht. Ich hatte zumindest immer weniger Langeweile als die Kolleginnen im Packhouse.
Und das Leben im JTDN ist einfach herrlich. Sue und Gordon sind die liebenswürdigsten und hilfsbereitesten Menschen, die ich bislang in Neuseeland kennenlernen durfte. Und nach Aussage vieler Weit- und Weitergereister kann das durchaus auch auf andere Länder ausgedehnt werden.

Außerdem gibt es ca. alle 2 Wochen ein deliziöses “BBQ for free”. D.h. reichlich Würstchen, Fleisch, Salat, Kartoffeln, Baguette und Nachtisch (fragt nach Sues weltberühmten Caramelpudding mit Eis!)

dot2_red Die Umgebung
Wer also den Winter (oder den Sommer, oder Frühling, oder Herbst) auf der Nordinsel mit Arbeit überbrücken will, ist in Tauranga perfekt aufgehoben. Nicht nur wegen des Hostels, sondern auch der Städte Tauranga und Mt. Maunganui.
Tauranga hat etwa 57.000 Einwohner und ist damit groß genug, den erschöpften Leibeigenen ein wenig Zerstreuung zu bieten.
Die Einkaufsmöglichkeiten sind sehr gut (es gibt mehrere Supermärkte), es gibt eine anständige Innenstadt mit kleinen Fachgeschäften, die zum Bummeln einladen und “The Strand”, die Flaniermeile direkt am Mariner bietet eine anständige Auswahl an Pubs und Nightclubs.

Internet ist im Hostel für 2 NZ$ pro 15 Minuten zu haben.
Oder in der Stadt  (15 Minuten Fußmarsch vom Hostel) für 6 NZ$ pro Stunde.

Das benachbarte, kleinere Städtchen Mt. Maunganui bietet ebenfalls eine sehr hübsche kleine Innenstadt und ein großes Shopping-Center, das etwas außerhalb liegt.
Darüber hinaus bietet “The Mount” den namensgebenden Berg als zu besteigende Attraktion, einen seeeehr langen, wirklich schönen Strand und – zum relaxen – Hot Salt Water Pools.

Viel Spaß also und grüßt mir Sue und Gordon, solltet ihr euch entschließen, dort abzusteigen.
 

 

Adresse:
Just the Ducks Nuts
6 Vale Street
Tauranga, Bay of Plenty
New Zealand
+(64) 7 – 576 13 66

Der Vollständigkeit halber sollte erwähnt werden, dass es in Tauranga und Mt. Maunganui auch diverse andere Backpacker gibt, die ebenfalls Arbeitsvermittlung anbieten.
Unter anderem sind das:

und evtl. andere, von denen ich nichts weiß.
Da eine persönliche Erfahrung fehlt, muss auf eine Wertung obiger Adressen leider verzichtet werden.

 

 
© Fotos & Text Jörn O. Villwock

aktualisiert: Februar 2012